Wer wir sind

Mitte der 70er Jahre wurde unsere Gemeinde von türkischen Gastarbeitern als erste Moscheegemeinde in der Horberstraße, Herrenberg gegründet. Ein kleines Gebäude in der Nähe vom Bahnhof war zu der Zeit ausreichend. Als die muslimische Community in den darauffolgenden Jahrzehnten sich vergrößerte, entstanden unterschiedliche Bedarfe der Muslime, vor allem in der Jugendarbeit. Mitte der 80er Jahre entstanden weitere Moscheegemeinden, die sich unterschiedlich spezialisierten. Als VIKZ-Gemeinde (Verband der islamischen Kulturzentren) liegt unser Fokus genau auf diesem Bedarf. Anfang der 90er Jahre wurde das aktuelle Gebäude (linker Abteil) in eine Moschee umgebaut. Mit Wochenend- und Ferienprogramme haben wir bis 2007 unsere Jugendarbeit fortgeführt. Darunter gehörten Koranunterricht, Hausaufgabenbetreuung, Kulturausflüge und Freizeitgestaltungen. Im Jahre 2004/05 gab es eine Neugründung mit dem heutigen Vereinsnamen. Das Schülerwohnheim (rechter Abteil) wurde an die Moschee angebaut und öffnete seine Türen im Jahre 2007. Zurzeit werden 26 Schüler mit intensiveren Unterstützungen in der Schule (Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung), in der Berufswahl und in ihrer religiösen Mündigkeit begleitet. Sie besuchen die öffentlichen Schulen (Gesamtschule – Gymnasium) und wohnen unter der Woche im Wohnheim. Mit enger Zusammenarbeit des Jugendamts und des Stadtjugendrings fördern wir unsere Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und der Steigerung der gesellschaftlichen Teilhabe. Unsere Imame waren ebenfalls Schüler in unserer und ähnlichen Einrichtungen, die heute ein wichtiges Zeichen für eine unabhängige muslimische Community in Deutschland setzen. Außerhalb der Jugendarbeit bieten wir unsere Einrichtung für religiöse Hochzeitsfeier und anderen Versammlungen an. Dazu organisieren wir jährliche Streetfood-Festivals, um mehr aus der türkischen Küche anzubieten aber auch eine Möglichkeit zu geben, unsere Gemeinde mehr mit den HerrenbergerInnen zu verbinden.

Unsere Prinzipien

Das KDTI bekennt sich zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Seine Arbeit und seine Ziele stehen im Einklang mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Unsere Gemeinde versteht sich parteipolitisch neutral und beachtet das Prinzip der Überparteilichkeit. Die Finanzierung erfolgt durch monatliche Beiträge der Gemeindemitglieder und durch regelmäßige Spenden von Muslimen.

Gemäß unserem Selbstverständnis verfolgen wir folgende Grundsätze:
Wir setzen uns für das Gemeinwohl ein und fördern das friedliche Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlicher religiöser und ethnischer Abstammung. Dabei ist gegenseitige Achtung, Respekt und Toleranz jedem Menschen gegenüber sehr wichtig. Jeder kann die Vereinsangebote des KDTI in Anspruch nehmen, unabhängig von religiöser, ethnischer und sozialer Herkunft. Das Leitbild des Verbandes orientiert sich am Gesandten Muhammad dem gebenedeiten, der sprach:

„Der beste Mensch ist derjenige, der anderen Menschen nützlich ist.“(at-Tirmidhi, Birr, 36)

Islamische Mystik (tasawwuf)

Wir gehören der sunnitisch-hanefitischen Ausrichtung des Islam an. Unter den Mitgliedern gibt es viele Muslime die auch eine mystische Ausrichtung des Islam praktizieren. Islamische Mystik wird auch als Sufismus (tasawwuf) bezeichnet. Sufis, Vertreter des Sufismus, setzen die absolute Liebe zum Schöpfer in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns. Neben der Erfüllung der religiösen Pflichten sucht der Sufi das direkte Erleben Gottes (marifatu-llah).

Die mystische Ausrichtung unserer Gemeinde ist geprägt durch die Elemente der Sufigemeinschaft der Naqschibandiyya. Die Naqschibandiyya ist eine „nüchterne“ Sufigemeinschaft des Islam, der im 14. Jahrhundert in Zentralasien entstand. In der Mitte des 20. Jahrhunderts entstand um den Gelehrten Süleyman Hilmi Tunahan (k.s.) eine Gemeinschaft in der Türkei, die in ihrer religiösen Ausrichtung auch den Prinzipien der Naqschibandiyya folgte. Einige Schüler von Süleyman Efendi wanderten in den 70er Jahren nach Deutschland und gründeten dort den Verband der Islamischen Kulturzentren.

So übernahmen wir aus der Naqschibandiyya-Tradition folgende Elemente:

 

"Sicherlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe!" [Koran 13:28]

 

Das stille dhikr, das khatm al-ikhlas und die sohbah.

Das stille dhikr ist eine Form der Meditation, bei welcher der Teilnehmer sich innerlich Gott zuwendet und ihm gedenkt. Das khatm al-ikhlas ist eine besondere Form der Koran-Rezitation. Im gemeinsamen Kreis wird speziell die 112. Sure Ikhlas (Sure der Aufrichtigkeit) rezitiert. Im Rahmen der sohbah werden in der Gemeinschaft religiöse Themen wie auch mystische Aspekte des Islam behandelt.

 
Anders als die Naqschibandiyya sind wir kein Sufi-Orden in dem Sinne, sondern als Religionsgemeinschaft organisiert. Als Sufimeister murshid gilt der im Jahre 1959 verstorbene Süleyman Efendi (k.s.).

„SÜLEYMANCILIK“

Gelegentlich werden Angehörige des Verbandes der Islamischen Kulturzentren mit der Bezeichnung "Süleymancı" (Süleymanisten) umschrieben.

In der Türkei wurden die Schüler von Süleyman Efendi (k.s.) nach dessen Tode als sog. „Süleymanci“ bezeichnet. Mit der Einführung des Laizismus im Jahre 1924 in der Türkei übernahm das Amt für religiöse Angelegenheiten (Diyanet İşleri Başkanlığı) die Kontrolle über das gesamte religiöse Leben. Dies hatte zur Folge, dass alle religiösen Bildungsstätten im Land geschlossen bzw.  unter die staatliche Kontrolle überführt und unterstellt wurden. Private Lehrtätigkeit wurde verboten. Hiervon war auch die Lehrtätigkeit von Süleyman Efendi (k.s.) betroffen. Dieser hat jedoch seine private Lehrtätigkeit nicht eingestellt und betätigte sich weiterhin als Prediger im Beamtenstatus. 
In den Folgejahren war der Begriff „Süleymancılar“ in der türkischen Öffentlichkeit daher negativ behaftet, da der Staat in seinem besonderen laizistischen Selbstverständnis versuchte jedwede private religiöse Unterweisung zu unterbinden. Die Angehörigen der Gemeinschaft lehnen folglich den Begriff ab und identifizieren sich lediglich als Schüler von Süleyman Efendi (k.s.).

SÜLEYMAN HILMI TUNAHAN EFENDI (K.S.) (1888-1959)

Süleyman Efendi kam 1888 in Ferhatlar (heute Delchevo im Bezirk Razgrad) im heutigen Bulgarien zur Welt.
Nach seinem Abschluss an der Fakultät für Exegese und Hadithwissenschaften war er als "Dersiâm" (Gelehrte höchsten Grades des Hochschulwesens im Osmanischen Reich) an den Fatih und Süleymaniye Medresen (Islamische Hochschulen) tätig. Im Laufe der Vereinheitlichung des Bildungs- und Erziehungswesens in der nach Gründung der türkischen Republik wurden die Medresen abgeschafft. Somit verlor Süleyman Efendi (k.s.) seine Stellung als Dersiâm und war von da an als Prediger im Beamtenstatus in den großen Salatin-Moscheen (Sultansmoscheen) in Istanbul tätig. Mit der Einführung des Mehrparteiensystems ab 1946 und der Lockerung des Bildungswesens durch die neu gewählte Regierung gründete Süleyman Efendi (k.s.) ohne jegliche staatliche Unterstützung eine Privatschule für religiöse Grundausbildung. In kurzer Zeit bildete er viele Imame aus, die bei der Diyanet İşleri Başkanlığı als Imame, Gebetsrufer (muezzin), Prediger und Muftis eingesetzt wurden. Süleyman Efendi und seine Schüler sind Angehörige des sunnitischen Islam und der hanefitischen Rechtsschule. Diese Ausrichtung des Islam ist fern vom Extremismus und Fanatismus und verfolgt eine moderate Linie.