Moscheegemeinden als Teil der Stadtgesellschaft

 

 

Der 3. Oktober ist Tag der Deutschen Einheit. An diesem Tag öffnen aber auch rund tausend Moscheegemeinden in ganz Deutschland ihre Türen für Besucher. Für die Moscheegemeinde des Verbands der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) in Herrenberg bei Stuttgart passt das gut zusammen. Sie will ein sichtbarer Teil von Kommune und Gesellschaft sein. Der vom Bundesministerium des Innern (BMI) im Rahmen der Deutschen Islam Konferenz (DIK) geförderte und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) umgesetzte Förderansatz "Moscheen für Integration" unterstützt sie dabei.

Herrenberg begeht den Tag der Offenen Moschee mit einem interreligiösen Stadtspaziergang. Startpunkt ist die Türkisch Islamische Gemeinde Herrenberg e.V., wo es eine Führung geben wird. Dann geht es weiter zur nächsten der insgesamt vier Moscheegemeinden in der 30.000 - Einwohner-Stadt. Das Programm wurde gemeinsam mit den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden im Ort organisiert. Auch offizielle Vertreter der Kommune haben sich bereits angemeldet.

"Wir organisieren diesen Tag jetzt schon seit einigen Jahren zusammen", sagt Halim Yilmaz, ehrenamtlich aktiv in der Jugendarbeit der VIKZ Moschee Kulturzentrum der deutsch-türkischen Integration und islamischen Bildung Herrenberg e.V.. "Damit können wir die Öffentlichkeit besser erreichen." In jeder Moschee können die Herrenberger Fragen stellen und mit den Muslimen ins Gespräch kommen. In der direkten Begegnung erledigt sich dann so manches Vorurteil.

Die Zusammenarbeit mit den Kirchen hat sich aus dem Arbeitskreis "Christen und Muslime im Dialog" ergeben, der bereits seit 2006 besteht. Die Akteure wollen den Tag gemeinsam mit einer Demonstration gegen Rassismus und Diskriminierung abschließen.

Öffnung macht sichtbar

Der Tag der offenen Moschee geht auf eine Initiative des Zentralrats der Muslime aus dem Jahr 1997 zurück. Inzwischen wird er durch die Mehrheit der islamischen Verbände in Deutschland gemeinsam ausgerichtet. Dass der Termin jährlich auf den 3. Oktober fällt, soll das Selbstverständnis der Muslime als Teil der wiedervereinigten deutschen Gesellschaft unterstreichen. Auch Halim Yilmaz, der in Tübingen islamische Religionslehre und Englisch auf Lehramt studiert, sieht einen Zusammenhang zwischen dem Tag der offenen Moschee und 30 Jahren deutscher Einheit. "Nicht nur Ost und West wachsen in Deutschland immer mehr zusammen, sondern auch Menschen unterschiedlicher Religion und kultureller Prägung," sagt er. Deshalb sei die Verknüpfung beider Feierlichkeiten am 3. Oktober "ein schönes Zeichen für unsere Gesellschaft".

Eine junge Generation von Muslimen will sich heute stärker vor Ort einbringen. Aber sie braucht dazu auch Ermutigung, dies trotz Anfeindungen und Ausgrenzung zu tun. 

Deshalb beteiligt sich die VIKZ-Moscheegemeinde in Zusammenarbeit mit der Otto Benecke Stiftung am Förderansatz "Moscheen für Integration". Die Stiftung bietet als eine von vier Trägerorganisationen bedarfsorientierte Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen für Multiplikatoren aus Moscheegemeinden in fünf Bundesländern an. In Herrenberg stehen die Themen Digitalisierung, Umgang mit "Hate Speech", aber auch Öffentlichkeitsarbeit, Qualifizierung von Jugendleitern und Fragen der Partizipation in der Gesellschaft im Fokus.

Im Rahmen des auf drei Jahre angelegten Modellvorhabens sind bereits erste Ideen für neues Engagement entstanden. Während des Corona-Lockdowns im Frühjahr haben sich Mitglieder der Moscheegemeinde unter dem Hashtag #herrenberghilft an der Nachbarschaftshilfe beteiligt. Sie brachten älteren Bürgern Lebensmittel, besuchten die Krankenhäuser und schenkten 50 Pflegekräften Päckchen mit Lahmacun und Ayran als Anerkennung für deren aufreibenden Einsatz.

"Das Engagement für die Gesellschaft stärkt die eigene Identität und hilft gleichzeitig, sich mit der Zivilgesellschaft zu vernetzen," sagt Bernd Loschnig von der Otto Benecke Stiftung. "Denn Moscheen sind nicht nur religiöse Orte. Sie sind auch Orte des sozialen Lebens." Mit dem Förderansatz wolle man die muslimischen Gemeinden darin unterstützen, sich weiter für Kommune und Zivilgesellschaft zu öffnen. Denn sie hätten "viel Potential, das von außen so noch nicht gesehen wird".

Auf die Kommune zugehen

Wie sie sich am besten in die Kommune einbringt, muss jede Moscheegemeinde für sich entscheiden. Es kann bedeuten, vor einer Kommunalwahl die Vertreter aller politischen Parteien im Stadtrat einzuladen oder bei einer Aktion zur Beseitigung von Müll mitzumachen. In sozialen Brennpunkten würde eher der Einsatz für Bedürftige im Vordergrund stehen. Die Hindernisse bestehen nicht im fehlenden Einsatz. "Es sind oft praktische Fragen, die Schwierigkeiten bereiten," sagt Loschnig. "Wie beantrage ich öffentliche Gelder für ein Projekt? Wie knüpfe ich Kontakte zur Stadtverwaltung? Hier wollen wir Unterstützung bieten."

Für Loschnig geht es vor allem um Akzeptanz. Wenn sich die Moscheegemeinden nach innen und nach außen öffnen, dann werden sie auch für die Mehrheitsgesellschaft sichtbarer. Dann könnten auch Vorbehalte abgebaut werden. Auch Halim Yilmaz will diesen Weg gehen. "Wir bringen uns aktiv in die Gesellschaft ein," sagt er, "wollen aber auch als ganz normaler Player anerkannt werden".

Text: Claudia Mende

Quelle: BAMF